Jetzt Spenden
jetzt Spenden

News

Mit feministischer Friedensarbeit die Welt verändern

11.06.2019, Treffen des internationalen Vorstands

Was genau ist «feministische Friedensarbeit»? In welchen Weltregionen muss das Wort «Feminismus» strategisch eingesetzt werden, damit es keine Abwehr und Vorurteile auslöst? Wie geht es weiter mit den FrauenFriedensTischen und welche weiteren Projekte will FriedensFrauen Weltweit in Zukunft umsetzen? Der internationale Vorstand diskutierte im Mai intensiv über diese Fragen und legte die Leitplanken für die Zukunft fest.

Der erste Sitzungstag begann mit einem Blick in die Vergangenheit. Denn die Entstehungsgeschichte von FriedensFrauen Weltweit bildet nicht nur das Fundament der feministischen Friedensorganisation, sie weist auch in die Zukunft. «Als wir mit dem Aufbau des 1000-FriedensFrauen-Netzwerks begannen, wollten wir, dass Regierungen von der Arbeit der FriedensFrauen lernen. Wir wollten die Welt verändern und neue, würdevolle Lebensmodelle schaffen», sagte Ko-Präsidentin Ruth-Gaby Vermot-Mangold in ihren Einführungsworten. 

Mehr Nationalismus und Patriarchismus

Damals wie heute will FriedensFrauen Weltweit eine friedliche Welt schaffen, wo Frauen ihre Rechte wahrnehmen und gleichberechtigt leben können. Das bestätigten auch die Diskussionen an der Vorstandssitzung vom 12.-14. Mai 2019 in Bern. Seit der Nominierung der 1000 FriedensFrauen vor 14 Jahren ist die Welt jedoch nicht stillgestanden. Nach positiven Entwicklungen, sind aus heutiger Sicht mehrere Rückschritte zu beobachten, sowohl in zunehmend nationalistischen und patriarchalischen Ländern wie Brasilien oder Indien, als auch bei wichtigen politischen Instrumenten.

Das jüngste Beispiel: die Schwächung der neusten UNO-Sicherheitsratsresolution der Agenda «Frauen, Frieden, Sicherheit», um gezielt gegen Täter von sexueller Gewalt in bewaffneten Konflikten vorzugehen. Auf Druck der USA, Chinas und Russlands wurde im April 2019 die Forderung nach einem internationalen Überwachungsgremium für die Verfolgung sexueller Gewalttäter gestrichen. Die USA störte sich zudem an Formulierungen zu sexueller Gesundheit und reproduktiven Rechten, da diese aus ihrer Sicht eine Unterstützung für Schwangerschaftsabbrüche bedeute. Die Passage wurde umformuliert und so angenommen.

Ein Kontinuum von Gewalt

Heute sprechen Genderforscherinnen wie Nadje Al-Ali deshalb auch von einem Kontinuum von Gewalt, das auf verschiedenen Ebenen vor einem Krieg beginnt und nach Ende der Kriegshandlungen andauert – ob zuhause oder auf der internationalen Bühne. Frieden ist keine Garantie für Sicherheit.

Gerade Gewalt an Frauen sei ein grosses Problem, so Vorstandsmitglied Cécile Mukarubuga aus Ruanda. Insbesondere wenn sich die Frauen selbst als Opfer sehen, diese Rolle internalisieren und sich die Verantwortung aufbürden. Die Lösungen der Zivilgesellschaft fokussierten auf die Symptome der Gewalt und zu wenig auf die Handlungsmächtigkeit der Frauen, sagt sie.

Dort setzt FriedensFrauen Weltweit an: Projekte wie die FriedensTische schaffen Freiräume, in denen Frauen nicht nur Meinungen und Erfahrungen austauschen können. Sie geben ihnen auch die Rückendeckung, um Politiken anzufechten. So können FriedensFrauen mit einer Stimme in einem Land die Verantwortung von Entscheidungsträger*innen einfordern. «Unser Netzwerk ist eine gute Basis, um diese Handlungsmacht der Frauen zu stärken», sagt Cécile Mukarubuga.  

Schnittpunkte der feministischen Friedensarbeit  

Heute muss die feministische Friedensarbeit gleich mehrere Themenfelder im Visier haben: Rassismus und Postkolonialismus, religiöse, ethnische oder politische Zugehörigkeit, ökonomische Klassen, sexuelle Orientierungen. Was heute als «Intersektionalität» bekannt ist, sei schon immer ein Grundstein der Frauenfriedensarbeit gewesen, sagte Vorstandsmitglied Margo Okazawa-Rey.

In die «Matrix des Widerstandes» gehöre auch der Militarismus, der Neoliberalismus, und transnationale Unternehmen. Die Tatsache, dass Frauen an der Spitze der fünf grössten Waffenunternehmen der USA stünden, zeige, dass eine selbstbestimmte Frau, die ihre Rechte kennt und einfordert, noch lange keine friedensfördernde Feministin sei. Bewegungen müssten sich immer wieder mit Widersprüchen und veränderten Umständen auseinandersetzen, um nicht in sich zusammenzufallen, sagt sie. So auch die feministische Bewegung.

Feministische Friedensarbeit hat zum Ziel, eine «Kultur des Friedens» aufzubauen und erweitere sich ständig. Heute, so ist sich der Vorstand einig, gehöre deshalb auch der Kampf gegen Umweltzerstörung und Klimawandel zur feministischen Friedensarbeit.  

Nicht nur ein Feminismus

«Den einen Feminismus gibt es nicht», ist Kamla Bhasin, Ko-Präsidentin von FriedensFrauen Weltweit überzeugt. Er sei immer abhängig vom Kontext in dem er agiert und gelebt wird. FriedensFrauen Weltweit wird weiterhin die feministische Friedensarbeit des Netzwerks sichtbar machen. Sie bleibt die Mission von FriedensFrauen Weltweit, auch wenn landes- und kulturspezifische Anpassungen nötig sind.

Um die Botschaften der feministischen Friedensarbeit in die Welt hinauszutragen, müsse das Wort «Feminismus» nicht zwingenderweise benutzt werden. In China existiert kein Wort für Feminismus, dort sprechen FriedensFrauen stattdessen von «Anti-Patriarchalismus». In Indien verwendet Kamla Bhasin den Begriff nur in einem politischen Kontext. Jeder Mensch, der erkennt, dass patriarchalische Diskriminierung gegen Frauen existiert und etwas dagegen unternimmt, sei eine Feministin, ein Feminist, sagt sie.  

Blick in die FriedensFrauen-Zukunft  

Ein grosser Teil der Vorstandssitzung gehörte der Zukunft. Die Vertiefung der FrauenFriedensTische in Kontexte von Konflikttransformation in Kolumbien, Nepal und die Philippinen bleiben bis 2021 im Fokus des FriedensTische-Programms. Regionale FriedensTische, wie sie erstmals 2018 in Südasien durchgeführt wurden, sind in Planung. Ausserdem sind die sogenannten «enabling spaces», also die Förderung von zivilgesellschaftlichen Freiräumen, ein weiterer, wichtiger Strang der Arbeit von FriedensFrauen Weltweit.

Zusammen mit den Partnerorganisationen weltweit, schafft FriedensFrauen Weltweit diese Orte, in denen Frauen in einem geschützten Rahmen ihre Erfahrungen und Meinungen austauschen können. Der Vorstand diskutierte mögliche Durchführungsorte für diese Treffen, zum Beispiel in Burundi, wo 2020 Wahlen stattfinden.

Das Netzwerk der 1000 FriedensFrauen war auch Thema am Vorstandstreffen. Unter dem Namen «Feminists connecting for peace» (Feministinnen vernetzen sich für den Frieden) soll das Netzwerk aktualisiert, ausgebaut und einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden sowie der horizontale Austausch von Erfahrungen und Expertise unter den FriedensFrauen gestärkt werden. Strukturen bestehen nun, damit die Biografien der ursprünglichen 1000 Frauen und neu dazu gekommenen Friedensaktivistinnen aufbereitet und per Internettool nutzbar gemacht werden. So wird die Arbeit der FriedensFrauen weltweit sichtbar gemacht.