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Medienmitteilung des Netzwerks Istanbul Konvention

Sexualisierte Gewalt an Frauen* ist in der Schweiz weit verbreitet

21.05.2019, Erste repräsentative Umfrage

Mindestens jede zweite Frau* in der Schweiz erlebt sexualisierte Gewalt laut einer Studie von Amnesty International Schweiz. Das Netzwerk Istanbul Konvention fordert verstärkte Massnahmen für Prävention, Schutz und Unterstützung.

Amnesty International Schweiz hat heute die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter rund 4’500 Frauen in der Schweiz zu sexualisierter Gewalt veröffentlicht. Die Zahlen sind erschreckend, sie bestätigen jedoch die Erfahrungen von Fachstellen. 59% der Frauen* haben mindestens ein Mal Belästigungen erlebt, 22% erlebten ungewollte sexuelle Handlungen und 12 % erlitten Geschlechtsverkehr gegen den eigenen Willen. Bisher fehlten solche systematische Zahlen in der Schweiz. Die Studie von Amnesty beginnt, diese Lücke zu schliessen, was vom Netzwerk Istanbul Konvention enorm begrüsst wird.
 
Konsequente und diskriminierungsfreie Umsetzung der Istanbul-Konvention

Mit der Ratifizierung der Istanbul-Konvention (IK) hat sich die Schweiz bereits zu umfassenden Massnahmen gegen Gewalt an Frauen* und Mädchen*, und damit auch zu sexualisierter Gewalt, verpflichtet. Dazu gehören Prävention, Unterstützung/Schutz und Strafverfolgung. Nun gilt es diese umzusetzen. Das Netzwerk Istanbul Konvention unterstützt entsprechend die Forderungen der Petition an Bundesrätin Karin Keller-Sutter vollumfänglich. Bei der Umsetzung ist es wichtig, dass alle Massnahmen und Angebote für alle Betroffenen* von sexualisierter Gewalt passen und ihnen auch zugänglich sind, so wie es die IK vorschreibt (im Sinne einer diskriminierungsfreien und inklusiven Umsetzung).  
 
Exemplarische Forderungen des Netzwerks Istanbul Konvention:

Das Netzwerk Istanbul Konvention betont insbesondere diese weiteren beispielhaften Massnahmen, welche die Konvention verlangt:  

• Zugang zu Erster Hilfe und Dokumentation von Beweisspuren ohne Druck zu einer Anzeige. Heute können Betroffene von sexualisierter Gewalt noch nicht in allen Kantonen medizinische Hilfe erhalten und Beweisspuren sichern lassen, ohne Druck zur Anzeige zu erleben. Im Kanton Zürich wird dies bspw. nicht gewährleistet. In Kantonen wie Bern und St. Gallen gibt es hingegen gute Vorbilder.

• Professionelle spezialisierte 24h-Beratung in der ganzen Schweiz, die für alle Betroffenen zugänglich ist. In der Schweiz gibt es bisher kein solches Angebot.

• Finanzierung der Folgekosten bei sexualisierter Gewalt. Da sexualisierte Gewalt als Unfall klassifiziert wird, fallen die Folgekosten in die Zuständigkeit der Unfallversicherungen. Diese Regelung ist problematisch, da letztere die Gewalteinwirkung nicht immer anerkennen und das Antragsverfahren für die Betroffenen retraumatisierend sein kann.

• Ganzheitliche Sexualbildung gemäss World Health Organisation (WHO)-Standards. Heute erfolgt die Sexualaufklärung in der Schweiz weder systematisch noch einheitlich. Eine früh einsetzende, ganzheitliche Sexualbildung würde viel zur Verhütung von sexualisierter Gewalt beitragen.
 
Kontaktpersonen für weitere Auskünfte:
 
• TERRE DES FEMMES Schweiz, Simone Eggler, Tel. 077 433 83 62, s_eggler@terre-des-femmes.ch

• Dachorganisation der Frauenhäuser der Schweiz und Liechtenstein, Susan Peter, Tel. 044 440 37 69, dao@frauenhaus-schweiz.ch  
 
Um eine tatsächliche Umsetzung dieser Verpflichtungen zu begleiten und politisch einzufordern, hat sich das zivilgesellschaftliche „Netzwerk Istanbul Konvention“ gegründet. Das Netzwerk setzt sich aus aktuell über 60 Organisationen und Fachstellen zusammen und will die eigenen langjährigen Erfahrungen in der Praxis und die Expertisen zu geschlechtsspezifischer und häuslicher Gewalt einbringen. Das Netzwerk wird durch eine Kerngruppe koordiniert. Diese setzt sich zusammen aus:  cfd — die feministische Friedensorganisation  DAO — Dachorganisation Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein  NGO-Koordination post Beijing Schweiz  TERRE DES FEMMES Schweiz  
 
Informationen unter: www.istanbul-konvention.ch