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Internationaler Frauentag

Internationaler Frauentag – wir haben die Macht

08.03.2019, Frauentag

Am 8. März ist Internationaler Frauentag. Auf der ganzen Welt erheben Frauen ihre Stimme und setzen sich gegen Gewalt, Diskriminierung und Ungerechtigkeit ein. Wenn wir alle zusammenspannen, haben wir die Macht, eine Welt zu schaffen, in der Frauen, Kinder und Männer ihre Rechte selbstverständlich wahrnehmen und in Frieden und Sicherheit leben können. Eine Welt, in der die Zivilgesellschaft laut werden darf – und gehört wird.

«Auch wenn man mir eine bessere Welt schenken wollte, würde ich ablehnen. Mein Zuhause ist bei denen, die keine Rechte haben - Frauen, Kinder und Männer.» Darf ich vorstellen: Anonyma. Anonyma ist eine der 1000 Frauen, die 2005 gemeinsam für den Friedensnobelpreis nominiert wurde. Es gibt sie nicht wirklich – und doch gibt es sie überall auf der Welt. Sie steht stellvertretend für all diejenigen Frauen, die wir damals nicht erreichen oder deren Namen wir aus Angst, sie, ihre Arbeit und ihr Netzwerk zu gefährden, nicht veröffentlichen konnten.

Anonyma könnte einer Randgruppe angehören. Vielleicht ist sie Landwirtin, die um Land und sauberes Wasser kämpft. Vielleicht ist sie Wissenschaftlerin, die Missbrauch öffentlich macht, Friedensmahnwachen organisiert und deren Leben bedroht wird. Anonyma ist gleichbedeutend mit Mut, friedlicher Aktion und Zukunft. Wer oder wo sie auch sein mag, sie lebt in einer Welt, in der ihre und die Friedensarbeit ihrer Mitstreiterinnen gefährlich ist.

Vielleicht wurde Anonyma in einem Land geboren, in dem sie nie willkommen war, weil sie eine Frau ist oder einer Minderheit angehört. Ausbildungseinrichtungen bleiben ihr verschlossen. Es gibt bezahlte Arbeit, aber nicht für sie. Sie hat keine Rechte. Vielleicht wird sie geschlagen und ausgebeutet, wird zwangsverheiratet, als Mutter Opfer von Schlägen, Hunger und Aggression. Heimlich, mutig und unbeugsam kämpft sie gemeinsam mit anderen Frauen, um aus der Unsichtbarkeit, der Ausgrenzung und Entrechtung, der Ausbeutung und dem Analphabetismus auszubrechen.

Oder vielleicht lebt Anonyma in einem anderen Land, wo es zu gefährlich ist für sie und ihre Gruppe, sichtbar zu werden, weil sonst Bomben explodieren könnten. Dennoch lässt sie sich nicht einschüchtern, muss aber ohne Anerkennung, das Netzwerk der 1000 Friedensfrauen und im Untergrund weiterkämpfen für eine gerechtere Welt.

Vielleicht lebt Anonyma in der Schweiz, ohne Papiere und in immerwährender Angst entdeckt zu werden. Sie geht mit ihren Schmerzen nicht zum Arzt – aus Angst vor Verrat. Sie wehrt sich nicht vor den sexuellen Belästigungen ihres Arbeitgebers – aus Angst vor Verrat. Wenn die Kinder in der Schule sind, fürchtet Anonyma, dass sie nicht zurückkommen. Angst macht ihr auch der Abend, wenn sie den Kindern eine gesunde Mahlzeit auftischen möchte, dafür aber das Geld fehlt. Trotzdem oder gerade deshalb trifft sie sich mit anderen Sans-Papier-Frauen, um Wege aus der Unsichtbarkeit zu finden, damit ihre Kinder eine Existenz erhalten.

Anonyma ist kein Opfer. Sie schweigt nicht, sie zieht sich nicht zurück, sondern sie kämpft. Meist mit Gleichgesinnten, Frauen und Männern, die denselben Mut aufbringen und Gerechtigkeit, Veränderungen fordern.

Treffe ich Anonyma, verbeuge ich mich vor ihrem Mut und wünsche mir, dass auch wir Frauen in der Schweiz diese Energie aufbringen, um für unsere Rechte auf- und einzustehen. Denn auch bei uns ist bei Weitem nicht alles bestens, obwohl wir Schweizerinnen – seit immerhin 48 Jahren – mitbestimmen können. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wir können unsere politischen Vertreterinnen von lokal bis national wählen und über Sachthemen abstimmen.

Gerade bei Abstimmungen machen wir einen Unterschied, wie jüngst in der «Republik» zu lesen war. Dem AKW-Moratorium 1990 und der Rassismusstrafnorm 1994 zum Beispiel haben wir Frauen an der Urne zum Durchbruch verholfen. Den Kampfjet Gripen haben wir 2014 gebodigt. Elf Mal haben wir uns seit 1985, seit die Vox-Analyse die Volksentscheide auch nach Geschlecht aufschlüsselt, durchgesetzt. Die Männer haben uns in diesem Zeitraum drei Mal überstimmt – unter anderem beim «Schutz vor Waffengewalt».

Schon nur das zeigt, dass wir uns durchsetzen können, wenn wir gemeinsam aufstehen. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Existenzsichernde Löhne, die ein menschenwürdiges Leben ermöglichen – für alle. Anerkennung und Entschädigung von Care-Arbeit. Ein faires Steuersystem ohne Schlupflöcher für Multis und Reiche, das genügend Mittel für Bildung, Gesundheit, Kinderbetreuung und für ein würdiges Leben im Alter generiert.

Und wir Frauen haben die Macht, auch unsere Aussen- und Aussenwirtschaftspolitik zu steuern, damit Anonyma nicht auch noch gegen Klimawandel und wirtschaftliche Ausbeutung ankämpfen muss. Wir Schweizerinnen haben die Macht, Waffenexporten den Riegel zu schieben. Wir haben die Macht, mit einem bissigen CO2-Gesetz unseren Beitrag zur Rettung des Klimas zu leisten. Mit einem weitsichtigen Beschaffungsgesetz die Basis für faire Löhne für Näherinnen in Bangladesch oder Steinklopfer in Indien zu legen. Wir haben die Macht, eine solidarische Welt zu schaffen, in denen Frauen wie Anonyma und ihre Mitstreiterinnen endlich in Frieden und Sicherheit leben können, in der sie sich ohne Angst für ihre Rechte einsetzen können. Wie? Indem wir Regierungen an die Einhaltung der Menschenrechte erinnern. Indem wir internationalen Konzernen klar machen, dass sie ihre Verantwortung für ihre Arbeitnehmenden und für die Umwelt wahrnehmen müssen. Indem wir unsere Parlamentarierinnen und Parlamentarier in die Pflicht nehmen. Indem wir mehr Solidarität fordern, etwa mehr Mittel für die Friedens- und Entwicklungszusammenarbeit. Indem wir den Staat auffordern, Menschenrechten und Umweltschutz in Handelbeziehungen oberste Priorität einzuräumen.

Wir haben die Macht, die Schweiz – und auch die Welt zu verändern. Indem wir uns laut und deutlich politisch engagieren, abstimmen und wählen gehen. Etwa am 14. Juni 2019 am Frauenstreik oder bei den nationalen Wahlen am 19. Oktober 2019, wenn unser Ziel sein sollte, dass wir Frauen unter der Bundeshauskuppel angemessen vertreten sind mit 51 Prozent gewählter National- und Ständerätinnen.

Wir Frauen, überall auf der Welt, haben die Macht, das heutige System herauszufordern und zu verändern. Während Anonyma das vielleicht im Versteckten tun muss, können anderswo Frauen auf die Strasse, wählen – und wir in der Schweiz sogar über Sachthemen abstimmen. Wir haben die Macht, eine Welt zu schaffen, in der Frauen, Kinder und Männer ihre Rechte selbstverständlich wahrnehmen und in Frieden und Sicherheit leben können. Eine Welt, in der die Zivilgesellschaft laut werden darf – und gehört wird. Dann nämlich braucht es keine bessere Welt mehr für Anonyma, dann ist sie nämlich gut.

Rebecca Vermot

Ehem. Projektmanagerin «1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005»