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Nachruf

Zum Tod von Kamla Bhasin, Co-Präsidentin

Unsere Co-Präsidentin und Gründerin Ruth-Gaby Vermot-Mangold gedenkt in ihrem Nachruf an die am 25. September 2021 verstorbene bekannte indische Feministin und Co-Präsidentin von FriedensFrauen Weltweit Kamla Bhasin.

Kamla ist tot. Kamla, die engagierte, kraftvolle und überzeugte Kämpferin für eine menschenwürdige Welt, für eine Welt ohne Kriege und Gewalt. Kamla, die Feministin, die sich unermüdlich mit dem Patriarchat anlegte und seine böswilligen Auswirkungen auf die Frauen, auf die Gesellschaft, auf die Lebensordnungen weltweit sichtbar machte.

Kamla baute FriedensFrauen Weltweit mit auf, denn sie war zutiefst überzeugt, dass es vor allem die Frauen sind, die Kriege beenden und Frieden herstellen können. Bei der Gründung unserer Organisation äusserte sie sich zu den Kriegen dieser Welt:

«Wir wollen diese riesige Welle der Gewalt stoppen. Diese Gewalt, die unsere Verschiedenheit, unsere Menschenwürde, unsere Verbundenheit zerstört. Diese Gewalt, die unsere Flüsse und Seen und Böden vergiftet. Diese Gewalt, die die Lebensgrundlagen der Menschen, Traditionen, Wissen und Glauben vernichtet. Wir wollen Kriege und Gewalt, die aus unersättlicher Gier entstehen, beenden, denn sie haben ehrwürdige, verwurzelte, sorgsame Menschen zu Bettlerinnen, Flüchtlingen, Migrantinnen, Terroristen, Kriminellen gemacht und Millionen in den Hunger und die Unsicherheit getrieben.»

Als wir 2003 mit unserer Initiative der „1000 Frauen für den Friedensnobelpreis“ starteten, suchte sie als eine der weltweit 20 Koordinatorinnen nach Frauen, die wie sie, ihr Leben dem Frieden und der Sorgsamkeit für diese Welt widmeten. An all unseren zahlreichen Treffen in der Schweiz zwischen 2003 und 2005 war sie es, die uns auf ihre ganz besondere Art ermutigte, wenn wir mit der Initiative nur noch über Hürden stolperten und die Realisierung in weite Ferne zu rücken schien oder wir zwischendurch den Glauben an unser Ziel fast verloren hätten. An Überzeugungskraft fehlte es ihr nie.

Als wir am 26. Juni 2005, fünf Monate vor der Nobelpreis-Verleihung in allen Ländern, in denen Frauen nominiert waren, zeitgleich Pressekonferenzen durchführten, um die Namen der Frauen bekannt zu geben, waren auch die Medien in Indien, Pakistan und Bangladesch voller Hinweise auf die Arbeit der FriedensFrauen. Das war Kamlas Verdienst. Ihrer Strahlkraft, ihr Lachen und ihre Freude waren ansteckend. «Jetzt wissen alle, dass diese Frauen wirklich existieren,» meinte sie.

Kamla liebte es, gross zu planen. Gemeinsam entschieden wir uns 2006 die Initiative als Organisation unter dem Namen FriedensFrauen Weltweit (PeaceWomen Across the Globe) weiterzuführen. Wir konnten uns nicht vorstellen, die mutigen und kämpferischen Frauen, von denen viele bedroht und verfolgt wurden, wieder in die „Unsichtbarkeit“ zu entlassen oder das einzigartige Netzwerk der 1000 Frauen ungenutzt preiszugeben. Kamla war präsent und hilfreich, setzte Themen und lancierte Ideen.

Kamla war vor allem in Südasien dabei, als wir während zweier Jahre mit unseren Ausstellungen weltweit unterwegs waren. Die Porträts der FriedensFrauen wurden Tausende Male gezeigt, in allen Ländern, in denen Frauen nominiert wurden. Vor der Türe des UN-Sicherheitsrates machten wir mit der Ausstellung „No Women – No Peace“ die Mitglieder des Sicherheitsrates darauf aufmerksam, dass Frauen kaum an Friedensverhandlungen teilnehmen durften, ihre Forderungen ungehört verhallten und sie von der Umsetzung von Friedensmassnahmen weitgehend ausgegrenzt wurden – trotz der UNO-Sicherheitsratsresolution 1325 von 2000 zu „Frauen, Frieden und Sicherheit“.

Kamla, eine durch und durch politische Frau, störte dies unendlich. Systeme, die Frauen ausgrenzen, sie ungehört und unsichtbar machten, waren ihr ein Gräuel. Da konnte sie laut werden und sehr deutlich. Kamla war nicht nur in Indien, Nepal und anderen Ländern Südasiens bekannt. Ob in Webinars, an Anlässen in Südasien oder in Medieninterviews: Kamla nahm jede Gelegenheit wahr, ihre politische Botschaft einer friedlichen, frauen- und menschenfreundlichen Welt zu verbreiten. Nicht als Predigerin, sondern als starke feministische Stimme.

Das Leben meinte es nicht nur gut mit ihr. Die Sorge um ihren Sohn, der mit Behinderungen lebt, machte ihr zu schaffen und der selbstgewählte Tod ihrer Tochter erschüttere sie zutiefst. Dieser Schmerz und diese Trauer prägten ihre letzten Jahre. Auf die Frage nach dem Warum, gab es keine Antwort.

Nun ist Kamla tot, eine Krebserkrankung liess ihr kaum Zeit, Abschied zu nehmen. Sie starb am 25. September im Alter von 75 Jahren. Wir von FriedensFrauen Weltweit verlieren eine überzeugende Feministin und eine weise Mahnerin. Ihre Stimme, ihre Kraft und ihre grosse Menschlichkeit werden uns fehlen.

Adieu Kamla, geliebte Schwester.

Ruth-Gaby Vermot-Mangold, Co-Präsidentin und Gründerin

Bern, 27. September 2021