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Statement

Coronapandemie: Es ist Zeit zu handeln

22.04.2020, PWAG zur Coronakrise und ihren Auswirkungen

Die indische Autorin und Aktivistin Arundhati Roy bezeichnete die Coronapandemie als «ein Portal zwischen einer Welt und der nächsten». Wir Menschen hätten nun die Wahl, mitsamt unseren Vorurteilen, unserem Hass, unserer Habgier und unseren «toten Ideen», verschmutzten Flüssen und verrauchten Himmeln durch diese Pforte zu schreiten. Oder aber unser «Gepäck» zurückzulassen und uns eine andere Welt vorzustellen, für die wir dann auch zu kämpfen bereit wären. Auch wir von FriedensFrauen Weltweit wünschen uns, dass die Pandemie zu einem Umdenken führt und den Weg in eine friedlichere und gerechtere Welt bahnt, für die wir uns seit 15 Jahren einsetzen. Ohne eine verstärkte globale Solidarität und die Zusammenarbeit mit und zwischen zivilgesellschaftlichen Akteur*innen, kann jedoch jenseits des Portals keine neue Welt entstehen.

Im Moment ist diese Pforte in eine andere Welt noch versperrt. Die Corona-Pandemie hält viele Länder noch zu sehr in ihrem Bann. Es gilt, Leben zu retten, Spitäler vor dem Zusammenbruch zu bewahren, die Verbreitung des Virus einzudämmen. Doch diese weltumspannende Pandemie, wirft gleichzeitig ein Schlaglicht auf die Unterschiede zwischen den betroffenen Nationen und innerhalb der Gesellschaften in diesen Ländern. Die Pandemie legt Bruchlinien frei. 

Welche Welt wir auf der anderen Seite des Portals antreffen werden, hängt auch von den Antworten auf Fragen wie diese ab:

Welche Staaten verlassen sich auf von demokratischen Werten getragene Massnahmen und welche ergreifen die Gelegenheit, autoritäre Verordnungen durchzusetzen?

Wie sehr sind selbst demokratische Regierungen bereit, Freiheiten und Rechte auszuhöhlen, um ihre Bürger*innen heute und in Zukunft vor Covid-19 zu schützen? 

Weshalb sind Frauen mehrfach von dieser Pandemie betroffen? Warum stellen sie die Mehrheit der unangemessen bezahlten Pfleger*innen in Spitälern und in der Altenbetreuung, der Angestellten in Supermärkten? 

Warum tragen wieder vor allem die Mütter die Bürde der Verantwortung für ihre Kinder und müssen während der Schulschliessungen Kinderbetreuung und Homeoffice jonglieren? 

Wer ist während der Lockdowns zuhause in Sicherheit und wer ist nun ständig einem gewalttätigen Partner ausgeliefert?

Die Hauptfrage ist: Welche Lehren ziehen wir aus diesen epochalen Erfahrungen – bezüglich wirtschaftliche und gesellschaftliche «Systemrelevanz», Gleichberechtigung und Frieden? Es darf nicht sein, dass die Bruchlinien – und die Fakten –, welche die Pandemie ans Licht gebracht hat, danach wieder von der Gesellschaft und der Politik klein geredet oder gar unter den Teppich gekehrt werden. All die Pfleger*innen, Angestellte im Billiglohnsektor, doppelt- und dreifach belastete Mütter und die bedrohten und geschlagenen Frauen verdienen unsere Aufmerksamkeit und unseren Einsatz. Die Demokratie auch. 

Solidarität mit unseren Partner*innen

Die Welle der Solidarität ist eines der positiven Merkmale dieser Pandemie. Weltweit haben Zehntausende ihre alten und geschwächten Mitmenschen tatkräftig unterstützt, allabendlich dem Spitalpersonal lauten Applaus zukommen lassen, und mitprotestiert bei Streiks von Arbeiter*innen, die oft ohne Schutzkleidung im Einsatz sein mussten, damit wir im Internet Bestellungen aufgegeben oder in Supermärkten einkaufen konnten. 

Diese Solidarität darf sich nach dem Ende der Pandemie nicht in Luft auflösen. Sie wird der Schlüssel sein, damit die Welt nicht zur alten Normalität zurückkehrt. Es gilt nun, diese Solidarität für die Gestaltung der Welt jenseits des «Portals» zu nutzen. 

Wir lancieren aus Solidarität mit unseren Partnerorganisationen und den Projektteilnehmer*innen in den Ländern, wo wir unsere Projekte durchführen, einen Corona-Notfallfonds. Sie sind von der Coronapandemie und den damit verbundenen staatlichen Massnahmen teils schwer betroffen. Der Fonds soll sicherstellen, dass die Friedensförderung während dieser Pandemie nicht völlig zum Erliegen kommt. Wir wollen Projektteilnehmer*innen unterstützen, die sich nun auf den Schutz ihrer Gesundheit und das Überleben ihrer Familien und Nächsten konzentrieren müssen, damit sie nach der Pandemie mit voller Kraft an FrauenFriedensTischen teilnehmen und den Frieden in ihren Ländern mitgestalten können. 

Was hat das mit Frieden zu tun?

Unser Friedensverständnis basiert auf der Tatsache, dass menschliche Sicherheit die Voraussetzung ist für nachhaltigen Frieden, der mehr umfasst als die Abwesenheit von Krieg oder die rein physische Sicherheit. Menschliche Sicherheit beruht auf sozialer und wirtschaftlicher Gerechtigkeit, respektiert Menschenrechte und Bürger*innen- und Freiheitsrechte. Sie umfasst auch das Recht auf eine gesicherte Lebensgrundlage und den nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen. Ohne soziale, ökonomische und Geschlechtergerechtigkeit ist weder menschliche noch physische Sicherheit und demzufolge auch kein Frieden möglich. 

Genau dort liegen die gesellschaftlichen Bruchlinien, auf die die Coronapandemie ihr grelles Licht nun richtet. Und genau deshalb rufen wir als FriedensFrauen Weltweit die Zivilgesellschaft auf, weltweit und in jedem einzelnen Land – auch in der Schweiz – ihre bedeutsame Rolle als Puls der Gesellschaft und als Triebkraft für deren Wandel wahrzunehmen. 

In diesen Wochen, in denen einige Länder zaghafte Schritte in die Normalität wagen und andere weiterhin angstvoll der Ausbreitung des Virus zuschauen, kann die Zivilgesellschaft sich organisieren und vernetzen, Fakten sammeln und Argumente formulieren,  aus der Coronapandemie die wichtigen Lehren ziehen, und Pläne fassen, wie diese umgesetzt werden können. Die Zeit der stillen Entrüstung und des Applauses von unseren Balkonen ist vorbei. Es ist nun Zeit zu handeln.