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Appell

Stellungnahme zur Situation in Afghanistan

Die Frauen in Afghanistan sind stark gefährdet. Wir fordern den Bundesrat und die internationale Gemeinschaft zum Handeln auf.   

Die internationale Gemeinschaft hat Afghanistan im Stich gelassen – und das gilt umso mehr für die Frauen und Mädchen. In den vergangenen zwanzig Jahren konnten Frauen zu einem gewissen Grad ihre Rechte ausüben, die ihnen während der Taliban-Herrschaft verweigert wurden. Zwischen 2001 und 2018 stieg die Zahl der eingeschulten Mädchen von null auf achtzig Prozent. Junge Frauen studieren an Universitäten wie der Gawharshad-Universität in Kabul, wo Frauen mehr als ein Drittel der Studierenden ausmachen.  

Es sind diese Studentinnen der Gawharshad-Universität, an die wir in diesen beklemmenden und von Unruhe geprägten Tagen denken. In den vergangenen zwei Jahren haben wir an der Gawharshad-Universität Kurse zu «Frauen und Friedensförderung» und «Gender und Frieden» abgehalten. Die Kurse sollten das Selbstvertrauen der Frauen stärken und ihre Kenntnisse über Frauenrechte vertiefen, mit dem Ziel, ihre Teilnahme an der Friedensförderung und an Entscheidungsprozessen zu erhöhen. Diese Kurse waren eine Investition in die jüngere Generation und in ihre Zukunft.  

In unseren Gedanken sind wir bei diesen Studentinnen und allen Frauen und Mädchen in Afghanistan. Wir rufen den Schweizer Bundesrat und die internationale Gemeinschaft zum Handeln auf, um ihre Zukunft zu sichern.  

Wir begrüssen die rasche Entscheidung der Schweiz, den lokalen Mitarbeitern des Kooperationsbüros in Kabul und deren nächsten Familienangehörigen humanitäre Visa auszustellen. Aber die Schweiz kann und muss mehr tun. Als Depositarstaat der Genfer Konventionen muss sie ihrer humanitären Tradition folgen.

- Die Schweiz muss dringend das Kontingent der Flüchtlinge aus Afghanistan aufstocken und humanitäre Visa für Frauen, Mädchen und Angehörige der LGBTIQ-Community ausstellen, deren Leben und Freiheiten bedroht sind. Da sich die Situation in Afghanistan kaum verbessern wird, müssen auch humanitäre Visa für weibliche Familienangehörige afghanischer Staatsbürger, die sich bereits in der Schweiz aufhalten, erteilt werden – unabhängig vom Aufenthaltsstatus. Ihre Schwestern, Mütter, Tanten, Töchter und Nichten müssen hier Schutz finden können.

- Sind sie einmal hier, sollen die afghanischen Flüchtlinge eine umfassende psychosoziale Betreuung erhalten, welche auch Traumata berücksichtigt, die sie in den letzten Wochen und in den vergangenen 40 Jahren durch Krieg, Machtmissbrauch und Menschenverachtung erlebt haben.  

Die internationale Gemeinschaft hat es versäumt, den Friedensprozess zu Ende zu führen: ein Friedensabkommen wurde nicht erreicht. Der Prozess war jedoch von Anfang an mit Mängeln behaftet. Ein umfassender Friedensprozess setzt die gleichberechtigte und wirksame Beteiligung von Frauen, marginalisierten Gruppen und allen Ethnien voraus. Nur ein inklusiver Friedensprozess kann zu einem nachhaltigen Frieden führen.

- Die internationale Gemeinschaft muss nun die «friedliche Machtübergabe» überwachen, die die Taliban gemäss eigener Aussage mit der afghanischen Regierung aushandeln will. Der Beobachtungsprozess muss alle Menschenrechtsverletzungen im ganzen Land dokumentieren, mit einem besonderen Augenmerk auf Frauenrechten. Die internationale Gemeinschaft muss alle verfügbaren Kanäle nutzen, um solche Verstösse zu verurteilen.

- Ein Sprecher der Taliban erklärte gegenüber der BBC: «Die Politik [der Taliban] ist, dass Frauen Zugang zu Bildung und Arbeit haben.» Die jahrelange Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass zwischen der offiziellen Taliban-Politik und der Realität vor Ort eine grosse Kluft besteht. In den letzten Wochen haben die UNO Berichte über Gewalt gegen Kommunen und Frauen, die Zerstörung von Häusern, Schulen und Kliniken erhalten. Wir erwarten von der internationalen Gemeinschaft, dass sie die neue Regierung des Islamischen Emirats Afghanistan in die Verantwortung nimmt und sie an ihren politischen Absichtserklärungen und dem Versprechen eines friedlichen Regierungswechsels misst.  

FriedensFrauen Weltweit, Bern, 17. August 2021