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FriedensTisch Popayan, Kolumbien

«Lasst uns gemeinsam zur Wahrheit schreiten» 

Im südlichen Kolumbien setzten sich im Mai 20 Frauen an einem FriedensTisch mit ihren Erfahrungen während des bewaffneten Konflikts auseinander. Es ging um Trauer, Wut, Wahrheit und um Vergebung. Die kolumbianische Wahrheitskommission beteiligt sich 2019 und 2020 an diesem FriedensTisch-Programm.

Die Frauen schreiten gemeinsam durch den dichten, üppigen Wald. Sie bleiben an einem Baum stehen, an dem ein gelber Zettel befestigt ist. Darauf steht: «Ich habe verstanden, dass ich mit diesem Schmerz nicht bleiben kann, ich möchte lernen zu vergeben.»

Eine Frau erzählt, sie habe sich das Leben nehmen wollen, der Schmerz der Erfahrungen, die sie während des Konflikts in Kolumbien erlebte, sei unerträglich gewesen. Doch dann regte sich etwas ihn ihr: «Es kann nicht sein, dass ich denen, den Tätern, den Gefallen tue, nicht mehr zu leben, nachdem was man mir angetan hat.»  Die anderen Frauen hören zu. Dann gehen sie weiter entlang dem Pfad an dessen Anfang eine Tafel die Frauen dazu aufrief: «Lasst uns gemeinsam zur Wahrheit schreiten.»

Die 20 Frauen sind Teilnehmerinnen am FriedensTisch, der im Mai in Popayan, im Süden Kolumbiens, stattgefunden hat. Es war der erste von vier regionalen FriedensTischen, die COMUNITAR, die Partnerorganisation von FriedensFrauen Weltweit, in diesem Jahr organisiert. Die kolumbianische «Kommission zur Klärung von Wahrheit, Koexistenz und Nichtwiederholung»  beteiligt sich an diesen FriedensTischen, um sicherzustellen, dass die Frauen Teil des Friedensprozesses werden und ihre Erfahrungen nicht in Vergessenheit geraten. FriedensFrauen Weltweit leistet wichtige Unterstützung, zumal der kolumbianische Staat, der für die Finanzierung der Arbeit der Kommission verantwortlich ist, 40 Prozent des Budgets gestrichen hat.

Geschichten des Widerstands

Alejandra Miller Restrepo, Vorstandsmitglied von FriedensFrauen Weltweit und Mitglied der Wahrheitskommission, erklärte den Frauen in Popayan den gegenwärtigen Stand des Friedensprozesses und die Ziele der Kommission. Diese will möglichst viele Erfahrungsberichte von Frauen sammeln, damit sie in die Wahrheitsfindung und das historische Gesamtbild des bewaffneten Konflikts einfliessen. Es gehe ihr und der Kommission sowohl um den Schmerz und das Leid der Frauen als auch um ihre Geschichten des Widerstands, «was ihr getan habt, um zu überleben», sagte Alejandra Miller Restrepo. So sollen die Frauen nicht nur als Opfer, sondern als Akteurinnen gesehen werden.

Fünf Mitarbeiterinnen lokaler Wahrheitskommissionen, sogenannten «casas de verdad», nahmen am FriedensTisch teil, um die «testimonios», die Aussagen der Frauen aufzunehmen. Der Entscheid liegt ganz bei den Frauen. Oft fällt es ihnen schwer, über ihre Erfahrungen zu sprechen, selbst wenn sie wissen, dass die Aussagen anonym bleiben. Die Zeit im Kreis der Frauen, die zuhören und verstehen, erleichtert es ihnen, sich zu öffnen.

Zuhause verdrängen sie die Erinnerung und den Schmerz. «Wir trauen uns nicht zu weinen, weil wir die Familie nicht belasten wollen», sagte eine der Frauen. Eine andere sprach aus, was viele dachten: «Hier ist ein Platz, wo wir unseren Gefühlen freien Lauf lassen können. Trauer – und Freude darüber, dass wir nicht alleine sind.»   

Nach zwei Tagen, liessen 14 der 20 Frauen ihre Geschichten von den Mitarbeiterinnen der Wahrheitskommission aufzeichnen. Die Erfahrungen aus den regionalen Treffen werden am nationalen FriedensTisch, der gegen Ende 2019 in Medellín durchgeführt wird, zusammengetragen und ausgetauscht. Alle bisherigen Teilnehmerinnen dürfen mitwirken, denn dann geht es vor allem um Rechenschaftsablegung und wie die Frauen ihre Ressourcen und Netzwerke stärken können.

Verzeihen ohne zu vergessen

Ein zentraler Bestandteil der FriedensTische ist die psycho-soziale Unterstützung der Frauen. Der Pfad durch den Wald bringt sie, die während des Konflikts von ihrem Land vertrieben wurden, in die Natur und weckt Erinnerungen. Zum Abschluss des FriedensTischs erhält jede Frau einen Terracottatopf, etwas Erde und ein Paket mit Samen sowie eine Papierblume, an der ermutigende und motivierende Sprüche befestigt sind. Es wurde viel in diesen zwei Tagen gesprochen, geweint, aber auch umarmt und gesungen – und gehofft.

Sie haben erfahren, dass sie ihr Schweigen brechen und über die erlebten Gräueltaten sprechen können, dass sie verzeihen können, ohne zu vergessen. Dafür sorgt schlussendlich auch der Prozess der Vergangenheitsbewältigung, in dem der Bericht der Wahrheitskommission eine wichtige Rolle spielen wird.