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Interview

Corona in Kolumbien: Frieden und Frauen am stärksten betroffen

Lateinamerika wurde von der Corona-Pandemie schwer getroffen. Kolumbien hat sie jedoch einen doppelten Schlag versetzt: Arme Menschen und marginalisierte Bevölkerungsgruppen leiden aufgrund der Quarantänemassnahmen Hunger, während Menschenrechtsverteidiger*innen und lokale Aktivist*innen in ihren Häusern ermordet werden. Wir sprechen mit Alejandra Miller Restrepo, Mitglied der kolumbianischen Wahrheitskommission und des Internationalen Vorstands von FriedensFrauen Weltweit, über die Auswirkungen der Pandemie auf Gemeinschaften, Frauen und auf die Arbeit der Kommission.

Welche Massnahmen hat die kolumbianische Regierung während der Corona-Pandemie ergriffen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen?

Die Regierung beschloss, die Bevölkerung vom 24. März bis zum 11. Mai unter eine allgemeine Quarantäne zu stellen, die nun bis zum 30. Juni verlängert wurde. Während dieser Zeit durften nur Arbeiter*innen im Gesundheitswesen, in der Lebensmittel- und Medikamentenproduktion ihr Haus verlassen. Obwohl diese Massnahme die Ausbreitung des Virus eindämmte, war die Regierung nicht in der Lage, den Lebensunterhalt von Tausenden von Familien zu sichern, darunter viele alleinerziehende Mütter, die ihr Einkommen in der informellen Wirtschaft verdienen.

Die bewaffneten Akteur*innen, die seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens zwischen der Guerillagruppe FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) und der kolumbianischen Regierung im Jahr 2016 in vielen Regionen weiter agieren, haben sich die Situation zunutze gemacht. Sie fahren fort, leitende Figuren in den Gemeinschaften und Menschenrechtsverteidiger*innen zu ermorden, die jetzt aufgrund der Ausgangssperren zuhause bleiben müssen und ungeschützt sind. Die Quarantänemassnahmen wurden ab dem 11. Mai etwas gelockert. Einige Wirtschaftssektoren, wie das Baugewerbe und die verarbeitende Industrie, sind wieder geöffnet. Diese Öffnung führte zu einer Zunahme der Infektionen und der Todesfälle.

Welche Auswirkungen haben diese Massnahmen auf die Bevölkerung gehabt?

Die allgemeinen Quarantänemassnahmen trugen dazu bei, Leben zu retten. Aber die Regierung hat keine ausreichende finanzielle Unterstützung bereitgestellt, um den Lebensunterhalt der Ärmsten zu sichern. Infolgedessen haben viele Familien während der Quarantäne Hunger gelitten. Massnahmen wie die Nahrungsmittelverteilung, Kredite an Kleinstunternehmen usw. verliefen langsam und chaotisch. Hinzu kommt das hohe Mass an Korruption im Land: 10 Bürgermeister wurden festgenommen, weil sie Hilfsgüter und Subventionen unterschlagen hatten, die für die Ärmsten und Schwächsten bestimmt waren.

Wie hat sich das konkret auf Frauen ausgewirkt?

Auch in dieser Situation gehören Frauen nach wie vor zu den Ärmsten der Armen. Zusätzlich zu den Schwierigkeiten, die ich soeben erwähnt habe, mussten viele Frauen die Quarantäne zusammen mit Partnern, die ihnen Gewalt antun, verbringen. Notrufnummern erhielten viele Anrufe zu Fällen häuslicher Gewalt. Nach Angaben des kolumbianischen Instituts für Familienfürsorge nahm die Gewalt innerhalb von Familien gegen Frauen und Kinder während der Quarantäne um 70% zu. Die Reaktion der Regierung bezüglich der Bestrafung der Verantwortlichen war unzureichend. In dieser Krise hat die Gewalt gegen Frauen zugenommen – sie wird jedoch als geringeres Übel angesehen. In ländlichen Gebieten sind es Frauenorganisationen, die lebenserhaltende Unterstützung leisten. Viele Bäuerinnen tauschen als eine Form der Solidarität ihre Produkte mit Frauen aus den Städten.

Was kannst du uns über die Morde an Menschenrechtsverteidiger*innen, Gemeinschaftsvertreter*innen und Aktivist*innen sagen? 

Die Ermordung von leitenden Figuren in den Gemeinschaften Kolumbiens hat seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens vor vier Jahren zugenommen. Die Corona-Pandemie hat diese Morde nicht beendet. In den ersten vier Monaten dieses Jahres nahmen die Verbrechen gegenüber diesen Personen im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres um 53% zu. Die Regierung hat weder vor noch während der Pandemie wirksame Massnahmen zum Schutz von Menschenrechtsverteidiger*innen ergriffen.

Kannst du diese Morde für uns in einen Kontext stellen?

Die Morde ereignen sich hauptsächlich in ländlichen Gebieten, wo die inzwischen aufgelöste FARC aktiv war. Nachdem das Friedensabkommen unterzeichnet worden war, wurden diese Gebiete vom Staat nicht mehr wirksam kontrolliert. In diesen abgelegenen Regionen, in denen Koka angebaut wird, haben andere bewaffnete und kriminelle Gruppen begonnen, die territoriale Kontrolle zu erlangen. Sie zwingen die Bauern und Bäuerinnen, sich nicht an den Programmen zu beteiligen, die Teil des Friedensabkommens sind und den Umstieg von Koka auf andere landwirtschaftliche Erzeugnisse vorsehen. Viele Gemeindevorsteher*innen wurden getötet, weil sie sich für diese Programme eingesetzt oder ihre Gebiete vor bewaffneten Gruppen verteidigt haben, die ihre eigenen Interessen verfolgen (wie z.B. Drogenhandel oder illegaler Goldabbau), oder auch vor Grossunternehmen und ihren Megaprojekten schützen wollten.

Während der Pandemie hat sich diese Situation verschlimmert, da viele der bewaffneten Gruppierungen nun diejenigen bedrohen und ermorden, die sich nicht an die Ausgangssperren halten. Mitte Mai wurden ein Bauer und seine Töchter im Alter von 5 und 1 Jahren von einer bewaffneten Gruppe getötet, weil sie sich nicht an die Anweisung hielten, zu Hause zu bleiben. Es ist nicht die Regierung, die die Strafen verhängt. Die bewaffneten Gruppen nehmen während der Pandemie in diesen Gebieten den Platz der Regierung ein – und sie sind stärker geworden.

Erzähl uns bitte von der Arbeit der Wahrheitskommission in dieser "Post-Konflikt"-Situation?

Der Kontext, in dem wir in Kolumbien leben – mit der Gewalt, die nach dem Konflikt weitergeht und mit der Fortsetzung des bewaffneten Konflikts durch Gruppen, die nicht in das Friedensabkommen miteinbezogen waren – behindert die Arbeit der Wahrheitskommission erheblich. Unser grundlegender Beitrag zur Schaffung einer umfassenden Wahrheit sind die Zeug*innenaussagen der vom Konflikt betroffenen Menschen, der Gemeinschaften, die den Terror erlebt haben. Vor der Corona-Epidemie hatten die Menschen Angst davor, über das zu sprechen, was geschehen ist und weiterhin geschieht. Es wird immer schwieriger, ihre Stimmen zu hören. Dennoch ist es der Wahrheitskommission bisher gelungen, mehr als 12’000 Menschen im ganzen Land zuzuhören. Der politische Kontext ist für das Friedensabkommen nicht sehr günstig, und auch die kolumbianische Regierung erleichtert der Kommission ihre Aufgabe nicht.

Welche Auswirkungen haben die Corona-Massnahmen bisher auf die Arbeit der Kommission gehabt?

Während der Quarantäne haben die Kommission und ihre Teams ihre Zeit darauf verwendet, die mehr als 8000 Interviews, die 2019 und bis März 2020 durchgeführt wurden, zu lesen, zu analysieren und mit den Berichten der Zivilgesellschaft und den mehr als 200 Datenbestände über Menschenrechtsverletzungen, die der Wahrheitskommission vorgelegt wurden, zu vergleichen. Einige vertiefende Interviews und Gespräche zu verschiedenen Themen werden virtuell durchgeführt. Diese erzwungene "Pause" hat es uns ermöglicht, uns auf den analytischen Teil der wertvollen und reichhaltigen Informationen zu konzentrieren, die die Kommission in den letzten anderthalb Jahren sammeln konnte.

Wie sieht es mit der Arbeit der Gender-Arbeitsgruppe der Wahrheitskommission aus?

Während der Pandemie und der Ausgangssperre analysiert die Gender-Arbeitsgruppe die 780 bisher gesammelten Aussagen von Frauen, die während des bewaffneten Konflikts von sexualisierter Gewalt betroffen waren. Das Team identifiziert die Muster und Vorgehensweisen der verschiedenen Gruppen (Guerilla, Paramilitärs, staatliche Streitkräfte) und stellt die Informationen verschiedenen Sekundärquellen gegenüber. Die Kolleginnen arbeiten weiter mit den Frauenorganisationen zusammen, die der Kommission Berichte vorlegen, und haben auch einige Zeuginnenaussagen mit Online-Mitteln aufgenommen.

Welche langfristigen Auswirkungen werden die Corona-Massnahmen der Regierung auf die Menschen- und Frauenrechte und auf den Friedensprozess haben?

Die Auswirkungen in Ländern wie Kolumbien können verheerend sein, sozial, politisch und wirtschaftlich. Kurzfristig wird die Armut und deren Feminisierung zunehmen. Bis jetzt hat die Regierung nur Massnahmen ergriffen, um den unmittelbaren Auswirkungen der Krise entgegenzuwirken, z.B. mit der Unterstützung des öffentlichen Gesundheitssystems. Aber auch nach der Krise wird es keine strukturellen Massnahmen geben, um der Ungleichheit und dem Ausschluss armer und marginalisierter Bevölkerungsgruppen entgegenzuwirken. Das alte Wirtschaftsmodell bleibt nach wie vor intakt.

Kurz gesagt, die Pandemie wird die Wirtschaft stark beeinträchtigen, die kolumbianische Regierung wird den Frieden nicht priorisieren, und die Rechte der Frauen werden tiefgreifend verletzt.

Was sollten Frauenorganisationen jetzt oder nach dem Ende der Pandemie tun?

Zurzeit konzentrieren sich Frauenorganisationen auf die Solidarität mit und Hilfe für Familien, die keine Nahrungsmittel haben. Sie machen auch die Zunahme der häuslichen Gewalt sichtbar. Frauenorganisationen informieren darüber, was in ihren Gemeinschaften geschieht. Wenn die Pandemie vorüber ist, müssen Frauenorganisationen

1. Den Frieden und die Beendigung des Konflikts mit den bewaffneten Gruppen, die Umsetzung des Friedensabkommens zwischen der Regierung und der FARC und die Beteiligung von Frauen an diesem Prozess fördern.

2. Massnahmen vorschlagen, um das derzeitige Wirtschaftsmodell, das die Armut feminisiert, umzuwandeln.

3. Öffentliche Debatten anstossen über die Auswirkungen der Kürzungen der Regierung im Gesundheits- und Bildungswesen und weshalb diese Situation geändert werden muss.

4. Auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung für die Opfer des bewaffneten Konflikts bestehen.